Glückwunsch zum Start der Bürgerbeteiligung
Seit Beginn unseres Einsatz für einen verkehrsberuhigten und begrünten Superblock im Winzerveedel haben wir viele interessante Kontakte knüpfen und engagierte Menschen kennenlernen dürfen. Zum Start der Öffentlichkeitsbeteiligung freuen wir uns sehr über einen Glückwunsch-Brief von Dr. Martin Herrndorf. Martin war von 2018 bis 2025 Sachkundiger Einwohner im Verkehrsausschuss der Stadt Köln und war von November 2020 bis Juni 2025 Mitglied der Bezirksvertretung Innenstadt/Deutz. Aktuell engagiert er sich in Köln u.a. für den Tag des Guten Lebens und ist bei Agora aktiv, die uns als Verein den Impuls zu unserer Bürgereingabe gegeben haben. Wir freuen uns sehr über seine netten Worte!
Ein Brief von Martin Herrndorf vom 16. Mai 2026
Liebes Winzerveedel,
liebe Vera, liebe Clara, liebe Sybille,
liebe Engagierte vor Ort,
Erstmal: Herzlichen Glückwunsch! Zu allem, was ihr bisher erreicht und umgesetzt habt – aber vor allem zum Start der Bürgerbeteiligung der Stadt Köln.
Auf der Straße stehen Stadtmöbel von CityDecks und es wird Formate geben, in denen die Umgestaltung des Viertels diskutiert wird.
Die habt ihr ja schon vorgelebt und in den letzten Jahren und Monaten Menschen auf die Straße und Grün in euer Viertel gebracht. Und ihr habt das auf eine Art gemacht, freundlich, einladend, zugewandt, die allein und an sich schon ein Gewinn für die Nachbarschaft und Gemeinschaft vor Ort ist.
Trotzdem, und vielleicht auch wegen eurer Erfolge, wird es jetzt Gegenwind und vielleicht auch harte Diskussionen geben. Und das ist einer Demokratie auch richtig so – es kann, darf und soll ja jede*r seine Meinung äußern.
Wichtig sind dabei aber zwei Dinge.
Zum einen: Tonfall und Respekt. Man kann wirklich unterschiedlicher Meinung sein, aber wichtig ist, im Kontakt und im Dialog zu bleiben, auf eine faire Art und Weise. Ich weiß, dass ihr euch das auf die Fahne geschrieben habt und ich hoffe, dass das auch von allen Seiten gelebt wird.
Zum zweiten: Habt keine Angst, für wirklich und wirksame Veränderungen vor Ort zu werben. Der Status Quo erscheint „normal“ - aber was heißt das schon? Ist es „normal“, dass es in einem Viertel keine Sitzbänke gibt? Dass Kinder die Straße nicht einsehen können, weil alles zugeparkt ist? Es in vielen Straßen keine Bäume gibt, weil ja kein Platz ist?
All das kann und muss man in Frage stellen, gerade in Zeiten des Klimawandels. An euren Forderungen ist, zum Beispiel im europäischen Vergleich, auch nichts irgendwie radikal.
Barcelona hat Superblock-Maßnahmen auf mehreren Kilometern umgesetzt, Paris und Lyon ähnlich. Die Niederlande haben ihre Städte schon vor Jahrzehnten breitflächig entsprechend umgestaltet ("Het Verkeerscirculatieplan van de stad Groningen werd op 19 september 1977 in gebruik genomen“, sagt Wikipedia), die skandinavischen Länder ebenfalls, aktuell sind Länder wie Belgien (Gent!) und zum Beispiel Slovenien sehr aktiv.
Immer gab es Protest, aber immer war das Ergebnis das Gleiche. In Gent gab es Morddrohungen gegenüber dem Bürgermeister – und nach der Einführung der Maßnahmen Lob und Umarmungen auf offener Straße. In den Niederlanden wurden die Maßnahmen über Jahrzehnte weitergetrieben, ich wüsste nicht, dass man dort jemals Verkehrsberuhigung bereut und zurückgebaut hätte. Selbst auf der Deutzer Freiheit waren in einer Befragung 70% für eine autofreie Umgestaltung.
So kann und soll jede*r seine Meinung äußern können, es kann aber am Ende nicht jede*r seinen Willen durchsetzen. In einer Bürgerbeteiligung wird auch nichts entschieden - das macht die Politik, in eurem Fall die Bezirksvertretung. Diese ist gewählt und bildet den Bürger*innenwillen ab, auch wenn der ein oder andere das nicht glauben mag, weil in seinem Freundeskreis oder seiner Stammkneipe die Meinung eine andere ist.
Wir sehen uns, vielleicht schon bei der Bürger*innenversammlung am 28. Mai, ganz sicher aber irgendwann im „Veedelsblock“ zwischen Barbarossaplatz und Volksgarten.
Dr. Martin Herrndorf
www.herrndorf.de
twitter: @herrndorf